Verein für Regionalentwicklung Werra-Meißner e.V.


Region hat Zukunft - Demografischer Wandel im Werra-Meißner-Kreis


Der Werra-Meißner-Kreis muss sich, wie viele andere Regionen in peripheren ländlichen Gebieten, mit einem starken Bevölkerungsrückgang sowie der immer älter werdenden Bevölkerung auseinandersetzen. Diese Entwicklungen haben erhebliche Auswirkungen auf die regionale Infrastruktur.

Wir haben ein außergewöhnlich vielfältiges Landschaftsbild, das sich besonders durch seine Mittelgebirgslandschaft, den reizvollen Kalkhöhenzügen und den Seen auszeichnet. Trotzdem gehört unsere Region, wie viele andere, zu den peripheren ländlichen Gebieten, die strukturschwach sind und sich mit einem starken Bevölkerungsrückgang sowie der immer älter werdenden Bevölkerung auseinandersetzen muss. Die Einwohnerzahl in der Region nimmt seit den 1970er Jahren mit Ausnahme der Jahre direkt nach der Wiedervereinigung, in denen starke Wanderungsgewinne zu verzeichnen waren, kontinuierlich ab. Gleichzeitig nimmt das Durchschnittsalter zu, sodass sich die Anforderungen an die Einrichtungen der Daseinsvorsorge deutlich ändern werden. Jetzt gilt es die Infrastrukturen den veränderten demografischen Strukturen anzupassen.

Herausforderungen annehmen…
Bereits im Jahre 2004 setzten wir uns, als Verein für Regionalentwicklung, mit den Problemen des demografischen Wandels konkret auseinander, sah ihn auch als Chance für neue Wege. Im Jahr 2009 haben sich der Verein für Regionalentwicklung Werra-Meißner e.V. und der Werra-Meißner-Kreis erfolgreich im Modellvorhaben des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung "Demografischer Wandel - Region schafft Zukunft" beworben und den Zuschlag erhalten.

…und strategisch aufstellen
In einem eineinhalbjährigen Prozess wurden zur Gestaltung des demografischen Wandels Anpassungsstrategien und Handlungsempfehlungen in Themenfeldern wie Kindertagesbetreuung, Gesundheitsversorgung, Hausärztemangel, ambulante und stationäre Pflege, Nahversorgungseinrichtungen, Begegnungsstätten, Schule, Stärkung der Ortskerne, neue Nutzung der Leerstände und Mobilität im Rahmen eines Masterplans bzw. einer Regionalstrategie Daseinsvorsorge erarbeitet. Es gründeten sich drei Arbeitsgruppen, darunter eine zur sozialen Infrastruktur, in denen Akteure aus Verwaltung, der Wirtschafts- und Sozialpartner sowie interessierte Bürger für alle Themen mit großem Engagement und hoher Kompetenz Handlungsempfehlungen erarbeiteten. Die Arbeit wurde durch externe Dienstleister unterstützt, die u.a. Szenarien und Modellrechnungen für verschiedene Handlungsstrategien, Kosten-Nutzen-Analysen und Handlungsempfehlungen auf Grundlage der Diskussionen der Arbeitsgruppen entwickelten. Die Akteure diskutierten mit einer breiten Öffentlichkeit. Die Ergebnisse des Masterplans befinden sich jetzt in der Umsetzung. Darüber hinaus wird der Masterplan mit neuen Themen wie Sicherung des Brandschutz und Rettungswesen sowie‚ jeder Ort braucht einen Treffpunkt - bedarfsorientierte Nutzung öffentliche zugänglicher Räume (Dorfgemeinschafthäuser, Gemeinde- und Vereinsräume) in kleinen Orten' fortgesetzt.

Soziale Infrastruktur für neue Anforderungen gestalten
Parallel zur Erarbeitung des Masterplans setzten die Akteure insgesamt 25 Projekte in der Region um.
So fand beispielsweise der Wettbewerb "Nah dabei" statt. Hier konnten sich Vereine, Verbände und Kommunen bewerben, die einen wesentlichen Beitrag zu Dienstleistungen- und Nahversorgungsstrukturen im ländlichen Raum liefern und Begegnungsstätten und Kommunikationsräume für alle Generationen entstehen lassen. In dem Wettbewerbsbeitrag musste der Beteiligungsprozesses für alle Generationen vor Ort für das geplante Vorhaben darlegt werden. Es wurden sechs Projekte unterstützt, die mit ganz viel ehrenamtlichem Engagement Maßnahmen in diesen Bereichen umsetzten. Ausgezeichnet wurde etwa der Verein "Freunde des Capitols" in Witzenhausen, der das Programmkino zu einer multifunktionalen Kultur- und Kommunikationsstätte für alle Generationen ausbauten sowie der Förderverein Jestädt, der einen zentralen Dorfplatz zu einem Mehrgenerationenplatz umgestaltete. Hier arbeiteten 54 ehrenamtliche Helfer in 4 Monaten 10.000 h und wurden kostenfrei von den ortsansässigen Firmen unterstützt.

Ein weiteres Projekt aus dem Modellvorhaben sind die "Witzenhäuser Familienhäuser". 13 Kindertagesstätten arbeiten in und um Witzenhausen zusammen und entwickeln sich zu Familienzentren mit generationsübergreifendem Lernen weiter. Das bunte und vielfältige Angebot richtet sich nicht nur an Kinder, Eltern und Großeltern, sondern auch an alle interessierten Bürger: Vom "Märchen-Waldspaziergang" über "Spiele, Lieder und Geschichten von früher" bis zum "Kochen für junge Familien" entwickelt.

In vielen Gemeinden sind Kindertagesstätten die einzigen noch existierenden, lebendigen Treffpunkte. Ihre Bedeutung als Begegnungsstätten und Orte des Miteinander wächst erheblich und das nicht nur für Eltern und Großeltern. Besonders wichtig ist das vor allem für die kleineren Ortschaften. Die Vielfalt der Angebote wurde aus den Fähigkeiten und Wünschen aller Interessierten im Umfeld der Kitas heraus entwickelt. Und genauso wird allen Menschen, auch ohne eigene Kinder in der Kita, die Möglichkeit zur Teilnahme angeboten. Beeindruckend ist, wie viel bürgerschaftliches und freiwilliges Engagement damit aktiviert werden konnte, denn zahlreiche Aktivitäten können kostenfrei angeboten werden.

Zwei weitere, sehr erfolgreiche Projekte sind die Läden für Nahversorgung und Begegnung in Datterode, der ‚marktwert … leben im Ringgau!' und in Gertenbach das ‚Lädchen für alles.

Während in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche, vor allem kleinere Läden von unter 400m2 aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen geschlossen wurden, ist es nun gelungen neue zu eröffnen. Dabei gibt es neue Ansätze, neue Akteurskonstellationen, neue Betriebsmodelle, Bewegung bei größeren Einzelhandelsketten und der neue Umgang mit Kunden, die insgesamt dazu führten, dass die neuen Läden wirtschaftlich zu führen sind.

In den neuen Läden wurde jeweils eine unterschiedliche Kombination aus Lebensmittelangeboten mit weiteren Dienstleistungen realisiert. Die zusätzlichen Angebote, die gemeinsam mit den Dorfbewohnern erarbeitet und abgestimmt wurden, sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die Läden auch angenommen wurden. Denn: grundsätzlich gilt, dass ein Dorfladen nur dann wirtschaftlich existieren kann, wenn die Bevölkerung den Laden auch annimmt und nicht nur die Butter vor Ort kauft. Diese neuen Läden sind ein Erfolgsmodell im Werra-Meißner-Kreis und haben den Orten eine neue Lebendigkeit verliehen.

Technische Infrastruktur: langlebige Strukturen sorgfältig planen
Im Bereich der technischen Infrastrukturen wurde im Rahmen des Modellvorhabens das Projekt: ‚Leitungsgebundene Ver- und Entsorgung versus Insellösung' durchgeführt. Hier wurde deutlich, dass die Anpassung der technischen Infrastrukturen individuell geprüft werden muss, da die Kosten-Nutzen-Rechnung sehr stark in Abhängigkeit mit den Vorhandenen Systemen und besonders den langen Abschreibungszeiten der Anlagen steht. Desweiten wäre es notwendig das die gesetzlichen Grundlagen der Umsetzung von dezentralen Anlagen angepasst wird, was bis jetzt nicht immer der Fall ist. Oft sind über kombinierte Systeme zentraler und dezentraler Lösungen Kosteneinsparungen möglich.

Alle an einem Strang
Wesentlich beim Demografieprozess im Werra-Meißner-Kreis ist, dass er vom Landrat sowie der Kreisverwaltung und dem Verein für Regionalentwicklung Werra-Meißner e.V. gemeinsam getragen und vorangetrieben wird. Der Verein für Regionalentwicklung ist dabei die Schnittstelle für die Einbindung der regionalen Akteure in den Prozess. Diese Doppelverantwortung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Entwicklung und Umsetzung des Demografieprozesses kann nur gelingen, wenn er auch von allen politischen Parteien, Vertreter/innen von Vereinen, Verbänden, regionalen Schlüsselakteuren sowie den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen wird.

Die neusten Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung im Werra-Meißner-Kreis belegen, der Bevölkerungsrückgang im Kreis hat sich deutlich verlangsamt und der Kreis hat sich im hessenweiten Ranking deutlich vom Letzten auf den 22 Platz verbessern können. Demnach sind inzwischen die Landkreise Odenwald, Vogelsberg, Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg stärker vom Bevölkerungsrückgang betroffen als der Werra-Meißner-Kreis. Im Vergleich zum Jahr 2008, in dem die Bevölkerung um 1,35 Prozent (1424 Personen) abgenommen hatte, gehen wir davon aus, dass das Gesamtjahr 2011 jetzt auf eine Zahl von ca. 0,60 Prozent (ca. 630 Personen) zurückfällt, das wäre mehr als eine Halbierung des prozentualen Bevölkerungsrückgangs.

Diesen Weg wollen wir weitergehen und gemeinsam mit den Menschen der Region unseren Lebensraum aktiv und lebendig gestalten. Unter dem Motto

Region hat Zukunft - Demografischer Wandel im Werra-Meißner-Kreis

werden wir engagiert weiterarbeiten.